Geistlicher Impuls Oktober 2026 von Dr. Christoph Bergner

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1,7)

Vieles in diesen Tagen kann uns das Fürchten lehren. Von „multiplen Krisen“, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, wird gern gesprochen. Auf der Jahrestagung in Riga konnten wir es hautnah erleben. In Lettland lernen jetzt die Kinder in der Schule, wie man sich in Kriegszeiten zu verhalten hat.

Durch die ganze Bibel geht der Ruf: Fürchtet euch nicht. Denn Furcht macht das Leben eng. Nicht umsonst hat Angst mit Enge zu tun. Wo Furcht ist, da wird das Leben klein, da zieht man sich zurück und schließt sich ein.

Deshalb braucht es Kraft, um die Enge zu überwinden. Wir brauchen Kraft, um uns von den vielen kleinen Abhängigkeiten, die aus Angst entstehen, zu befreien. Paulus schreibt diesen Vers in einem Brief an seinen Freund Timotheus. Im unmittelbaren Zusammenhang spricht er von der Kraft Gottes. Die Kraft, die gemeint ist, ist die Lebenskraft, die Gott gibt. Es ist also mehr als die Selbstoptimierung, der sich viele verschrieben haben. Das ist eine wunderbare Aufwertung von uns Menschen. In uns und durch uns kann Gott tätig sein. Er nimmt uns in Verantwortung. Er will, dass wir leben und Leben gestalten. Unternehmerisches Handeln ist ein göttlicher Auftrag. Wir sind aufgefordert, die Erde zu bebauen und zu bewahren.

Diese Kraft wird wirksam in der Liebe. Sie soll sich nicht selbstherrlich und ungezügelt verwirklichen. Manche Kräfte sind destruktiv, sie schaden dem Leben. Diese göttliche Kraft aber zeigt sich in der Liebe. Wo Liebe herrscht, da fragen wir nach dem anderen. Da suchen wir das Beste des Anderen. Wo Liebe gelingt, da schwindet die Angst. In der Liebe nehmen wir einander an, wie wir sind. Das ist vermutlich die größte Kunst im Leben, dass wir uns annehmen. Wer genauer hinschaut, wird oft feststellen, dass wir selbst die größten Hindernisse aufbauen, weil wir mit uns selbst nicht im Reinen sind. Es fällt uns schwer, uns so anzunehmen, wie wir sind. Liebe macht es möglich, dass wir uns annehmen lernen.

Die junge Christenheit hat für Liebe ein neues Wort gefunden. In der griechischen Welt bedeutete Liebe vor allem Schönheit, Gutes, Wahres. Dass Gott aus Liebe zu den Menschen seinen Sohn am Kreuz sterben ließ, passte nicht zu diesem Bild von Liebe. Für die christlichen Autoren ging es also darum, dass Liebe sich auch und gerade in schwierigen Zeiten bewährt. Liebe zeigt sich nicht nur in schönen und glücklichen Zeiten, sondern auch im Leid und in Schwerem. Eine Erinnerung daran ist auch heute wieder hilfreich.

Dazu hilft Besonnenheit. Wir leben in einer Zeit des Alarmismus. Jede Aussage kann in den Echokammern der Medien zu einer großen Affäre gemacht werden. Je extremer die Meinungen, desto eher werden sie diskutiert. Besonnenheit ermöglicht Maß und Mitte. Sie hilft uns, Dinge nüchtern zu betrachten, umsichtig zu entscheiden und dann entschieden zu handeln.

In diesem Sinn wünsche ich uns allen Kraft, Liebe und Besonnenheit. 

Ihr
Christoph Bergner