„Sorgt euch nicht!“ (Matthäus 6,25)
Wie ein roter Faden zieht sich der Aufruf Jesu durch das Neue Testament. Angesichts vielfältiger Krisen kommt der Hinweis gerade richtig: Wir müssen einmal absehen von den Problemen, die sich oft vor uns auftürmen. Wir dürfen uns nicht auffressen lassen von Sorgen. Es ist ein befreiender Ruf. Aber welche Freiheit meint er?
Zunächst gilt es festzuhalten: Es ist wichtig, dass wir uns Sorgen machen. Das unterscheidet uns von anderen Lebewesen. Wir können vorausschauend planen und unsere Zukunft gestalten. Manchem wäre es jetzt sehr lieb, wenn wir in Deutschland den demografischen Wandel besser bedacht und vorbereitet hätten. Die Probleme in den Sozialversicherungssystemen wären geringer. Dass man Straßen und Brücken instand halten muss, ist auch eine Binsenwahrheit. Aber sie muss eben befolgt werden. Wie gut, wenn sich da Menschen Gedanken machen und sorgfältig planen.
Aber genau da beginnt das Problem mit der Sorge, vor der Jesus warnt. Dass alles so lange dauert in Deutschland, ist eben auch Ausdruck der Sorgen, die wir uns machen. Wer irgendein Projekt plant und durchführen will, bekommt es mit lauter Sorgen zu tun, vor denen wir uns absichern möchten: der Arbeitsschutz, der Naturschutz, der Tierschutz, der Artenschutz, der Pflanzenschutz, der Brandschutz … Die Liste ließe sich fast beliebig vermehren. All das ist entstanden aus berechtigten Sorgen. Je mehr wir sorgen, umso mehr wächst die Sorge. Aus guten Gründen wollen wir uns absichern und schützen, aber gerade dadurch fühlen wir uns immer unsicherer und ungeschützter. Wir wollen durch Sorge sorglos werden, aber das Gegenteil geschieht. Jesus hält uns den Widerspruch vor Augen, in den wir durch unser Sorgen selbst geraten.
Aber seine Kritik geht tiefer: Wer sorgt, der muss immer von dem ausgehen, was er gerade kennt und weiß. Er verlängert die Gegenwart in die Zukunft. Die Zukunft ist dann eine Entfaltung der Möglichkeiten, die in der Gegenwart gegeben sind. Aber Zukunft ist mehr als das. Sie zeichnet sich gerade dadurch aus, dass etwas völlig Unvorhersehbares geschehen kann. Die Geschichte ist voll solcher Ereignisse: Entdeckungen, mit denen niemand gerechnet hat, Entwicklungen, die nicht geplant waren. Wer sorgt, vergisst: Die Zukunft ist offen. Niemand kann sie sicher vorhersagen.
Damit sind wir im Zentrum von Jesu Anliegen angekommen. Die Sorge verstellt uns den Zugang zu Gott. Luther hat den sündigen Menschen als „homo incurvatus“ bezeichnet. Das Wort „incurvatus“ drückt es auch im Deutschen sehr schön aus: Der Mensch, der in sich verkrümmt ist; der Mensch, der nur um sich selbst kreist. Wer auf Gott schaut, der kann von sich selbst absehen. Deshalb heißt es am Ende dieses Abschnitts der Bergpredigt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes.“ Das ist die Freiheit, die Jesus meint.
Von dieser Freiheit zehren wir. Übrigens auch als unternehmerische Menschen. Denn genau das macht ein gutes Unternehmen aus: Offen zu sein für die Zukunft. Immer wieder kreativ nach Neuem suchen und Ausschau halten. Nicht alles absichern wollen, sondern auch ein Risiko eingehen. Der äußeren Freiheit entspricht eine innere Freiheit. Das ist eine Haltung, die auch von Jesu Ruf „Sorgt euch nicht“ gehalten wird.
Ihr Christoph Bergner


